Donnerstag, 2. Oktober 2008

Russlands Archive bringen neues Licht in die Anfänge des II. Weltrieges

Die Lehren aus dem Münchner Abkommen

MOSKAU, 01. Oktober (Ilja Kramnik, RIA Novosti)


Versuche, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu revidieren und neue Schuldige zu finden, machen in einigen osteuropäischen Staaten die Runde.

Dabei versuchen die so genannten Revisionisten auch die UdSSR auf die Liste der Aggressoren zu setzen und beginnen die Vorgeschichte des Kriegs mit der Unterzeichnung des Nichtangriffspakts zwischen Nazideutschland und dem Sowjetreich Stalins.

Die damalige kommunistische Führung wird beschuldigt, dem Dritten Reich durch die Unterzeichnung des Pakts Handlungsfreiheit gewährt zu haben. Die Erinnerungen an die Ereignisse des Sommers und des Herbsts des Jahres 1939 sind allgegenwärtig, doch die Geschehnisse des Jahres 1938, und insbesondere das sogenannte „Komplott von München“, bleiben des Öfteren im Schatten.

In Russland werden derzeit viele Dokumente zur Geschichte und zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs zugänglich gemacht. Das Münchener Abkommen ist hier keine Ausnahme. Am 29. September 2008 hatte der russische Auslandsnachrichtendienst SWR einige diplomatische Dokumente sowie Archivakten aus der Zeit des Münchener Abkommens freigegeben.

Das Sudetenland, ein überwiegend mit Deutschen bevölkerter Teil der damaligen Tschechoslowakei, wurde unmittelbar nach der Beendigung des Ersten Weltkriegs zu einem Konfliktherd. Nach der Auflösung des Österreich-Ungarischen Imperiums haben die Sudetendeutschen versucht, sich entweder an Deutschland oder an Österreich anzuschließen, doch all diese Bestrebungen wurden von der tschechoslowakischen Armee niedergeschlagen. Im Jahr 1938 bereitete Nazideutschland, das kurz davor bereits Österreich annektiert hat, den Anschluss des Sudetenlandes vor.

Damals ist es nicht gelungen, die Spannungen in den Sudetengebieten abzubauen, obwohl die Rechte der Sudetendeutschen von der Regierung in Prag respektiert und nicht eingeschränkt wurden, obwohl die tschechoslowakischen Behörden alles taten, um eine deutschsprachige Schulausbildung zu organisieren, Mitspracherechte der deutschstämmigen Bevölkerung im Parlament zu gewährleisten und die kommunale Selbstverwaltung zu stärken. Die von Konrad Henlein organisierte pro-deutsche Sudetendeutsche Partei (SdP) verlangte unverhohlen den Anschluss der Sudetengebiete an das nationalsozialistische Deutsche Reich.

Am 15. September 1938 trafen sich Reichskanzler Adolf Hitler und der britische Premier Neville Chamberlain. Dabei sagte Hitler, dass er bestrebt sei, zwar den Frieden zu erhalten, aber auch in einen Krieg um das Sudetenland zu ziehen. Im Endergebnis zeigte sich Chamberlain damit einverstanden, die Sudetengebiete dem Deutschen Reich auf der Grundlage des Prinzips der Selbstbestimmung der Nationen zu übergeben.

Zu dem Zeitpunkt hatte Prag bereits zwei Beistandsabkommen gehabt - mit der UdSSR sowie mit Frankreich. Die beiden Abkommen sahen vor, dass im Falle eines Angriffs auf die Tschechoslowakische Republik umgehend militärische Hilfe zu leisten gewesen wäre. Doch da war der Hacken: Das Beistandsabkommen Prags mit Moskau stand in einem direkten Zusammenhang mit dem Verhalten Frankreichs. Moskau wäre erst nach einer Hilfsleistung Frankreichs berechtigt gewesen, der Tschechoslowakei Beistand zu leisten.

Daher spielte die Position Frankreichs eine ausschlaggebende Rolle. Das um so mehr, wenn man bedenkt, dass die französische Armee damals die stärkste Streitmacht Europas war. Während der britisch-französischen Konsultationen am 18. September in London einigten sich die Seiten darauf, dass die Gebiete, wo die deutschstämmige Bevölkerung mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmacht, an das Deutsche Reich zu übergeben seien, dabei würden Frankreich und Großbritannien die neuen Grenzen der Tschechoslowakei garantieren. Am 20. und 21. September wurde der Regierung in Prag erklärt: Sollte die Tschechoslowakei die Forderungen aus Paris und London ausschlagen, würde Frankreich seine im Beistandsvertrag mit Prag festgehaltene Verpflichtungen vergessen. Gleichzeitig warnten die westlichen Botschafter Prag vor einer Annäherung an die UdSSR. „Die Einigung von Tschechen mit Russen würde dazu führen, dass der Krieg die Form eines antibolschewistischen Kreuzzugs annehmen würde, und dann wäre es für die Regierungen in Paris und London sehr schwierig, außen vor zu bleiben.“

Gleichzeitig äußerte Moskau seine Bereitschaft, Prag nötigenfalls auch militärisch zu unterstützen, ungeachtet dessen, ob Paris zu einer Hilfeleistung bereit wäre, unter der Bedingung, dass Polen der sowjetischen Armee erlauben würde, sein Territorium zu passieren (zu dem Zeitpunkt hatten die UdSSR und die Tschechoslowakei keine gemeinsame Grenze). Nichts desto trotz - und die freigegebenen Akten zeigen es unmissverständlich - zog es Prag vor, die Garantien Frankreichs und Großbritanniens zu akzeptieren und auf die Hilfe Moskaus zu verzichten.

Am 22. September forderte Deutschland ultimativ den Anschluss des Sudetenlandes. In Paris und Prag wurde die Mobilmachung ausgerufen. Am 27. September erklärte Hitler in einem Schreiben an Chamberlain, dass er bereit wäre, die Unantastbarkeit der Grenzen der restlichen Tschechoslowakei zu garantieren, und dass er ebenfalls bereits wäre, alle Details eines neuen Abkommens zu besprechen.

Am 29./30. September 1938 trafen sich in München die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Großbritanniens. Die Vertreter der Tschechoslowakei waren nicht dabei. Etwa eine Stunde nach Mitternacht des 30. September wurde das Abkommen unterzeichnet, in dem alle Forderungen Deutschlands anerkannt und befriedigt wurden. Erst dann wurden die Vertreter der Tschechoslowakei in den Saal gelassen - sie hatten nur die Entscheidung der Großmächte zur Kenntnis zu nehmen.

Was konnte Prag in dieser prekären Lage unternehmen? Entweder die Entscheidung der Münchener Konferenz schweigend zu akzeptieren, oder sich zur Wehr setzen und Nazideutschland den Krieg zu erklären. Die Militärindustrie der Tschechoslowakei war sehr modern und hochentwickelt, die Streitkräfte waren technisch kaum der deutschen Wehrmacht unterlegen. Dennoch entschied sich die Nationalversammlung dafür, das Handtuch zu werfen und die Forderungen der Münchener Konferenz zu erfüllen.

So bekam Deutschland die Sudetengebiete, deren Bevölkerung sich auf über drei Millionen Menschen belief. Das machte 25 Prozent der Gesamtbevölkerung der Tschechoslowakei und 20 Prozent des Territoriums des Landes aus. Die Tschechoslowakische Republik verlor auch die besten und modernsten Betriebe - vor allem die Werke, die zur Schwerindustrie zählten.

Die Geschichte hatte selbstredend eine Fortsetzung. Polen beanspruchte schon seit langem seinen Teil des Kuchens, genauer gesagt die Region rund um die Stadt Cieszyn (Teschen). Da die Tschechoslowakei nun völlig alleine da stand, sah sie sich gezwungen auch auf diese Forderung einzugehen. Ansonsten brachte das neue Gebiet für Polen kaum Glück - am 1. September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen und besetzte es. Nach 1945 war die Region rund um die Stadt Cieszyn wieder Teil der Tschechoslowakei.

Am 7. Oktober, als der Druck seitens des Deutschen Reichs immer stärker wurde, gewährte Prag der Slowakei Autonomierechte. Am 2. November bekam Ungarn infolge des Wiener Schiedsspruchs die südlichen Teile der Slowakei sowie der Karpatenukraine mit den Städten Beregowo (deutsch Bergsaß), Mukatschewo (Munkatsch) und Uschgorod (Ungwar).

Im März 1939 besetzte Deutschland den Rest der Tschechoslowakei und gliedert sie in das Deutsche Reich als Reichsprotektorat Böhmen und Mähren ein. Die formell unabhängig gebliebene Slowakei wurde zu einem deutschen Satellitenstaat. Die Waffenindustrie in Tschechien arbeitete fleißig für die deutsche Wehrmacht und beliefert sie mit Schusswaffen, Kanonen, Kampfflugzeugen, Panzern und Selbstfahrgeschützen.

Die Befreiung Prags ereignete sich erst am 9. Mai 1945 durch Einheiten der Roten Armee. Die Gefechte mit einigen deutschen Einheiten dauerten bis zum 12. Mai.

Das Münchener Abkommen bereitete den Weg zum schlimmsten Blutbad in der Geschichte der Menschheit. Dabei muss die erstaunliche Kurzsichtigkeit von französischen und britischen Politikern unterstrichen werden. Sie haben keines der gesetzten Ziele erreichen können - weder Deutschland zu besänftigen noch die Expansion Deutschlands in Richtung Osten umzukehren. Diese Geschichte rund um die Ereignisse des Jahres 1938 erlaubt einige Schlussfolgerungen: Der beste Weg, einem Aggressor Einhalt zu gebieten, ist kein Garantieabkommen oder keine Vereinbarung über die Einstellung von Kampfhandlungen, sondern eine militärische Operation mit dem klaren Ziel, den Aggressor zum Frieden zu zwingen.


Einleitung zum II Weltkrieg: Russland öffnet Archiv nach 70 Jahren

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