Mittwoch, 29. Mai 2013

Mein Nachbar der Türke (Die Deutsche)

Offensichtlich muss für alles noch eine extra Erklärung verfasst werden. Dieser Aufsatz ist kein öffentlicher Tagebucheintrag von mir, sondern eine fiktive Annahme einer Person auf die bestimmte Eindrücke einwirken als innerer Monolog. Damit soll auf die innere Zerrissenheit hingewiesen werden, die bestimmte Erwartungshaltungen von der Gesellschaft als Auswirkung im alltäglichen Leben ankommen.


Mein Nachbar stammt aus der Türkei. Genauer gesagt aus Izmir. Wir kennen uns schon lange. Ich sah ihn eigentlich nie als Ausländer. Wir grüßten uns. Wechselten hin und wieder mal ein paar Worte über das Wetter oder die Hausverwaltung. Doch seit einiger Zeit ist alles anders. Die NSU-Taten gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich fühle mich irgendwie als Täter.

Begegne ich ihm heute im Treppenhaus wäre ich am Liebsten nicht da. All die Unbefangenheit, die einmal da war, ist wie weggewischt. Seit zwei Wochen bin ich stolze Besitzerin eines Autos und eigentlich bräuchte ich meinen Stellplatz nun selber, den ich ihm damals gerne überließ.

Heute stelle ich mir immer wieder die Frage: "Wie sag ich es ihm?"

Mich quält die Angst, als ausländerfeindlich abgestempelt zu werden. Der ganze NSU-Prozess hängt wie ein Stigmata über mir. In der Stadt grinse ich wildfremde Frauen mit Kopftuch hilflos, freundlich an und ernte nur verwirrte Blicke. Was verständlich. "Was wird Kaya denken, wenn ich meinen Stellplatz wieder haben will?" Einem Deutschen würde ich es ohne zu zögern mitteilen. Das ist das Normalste auf dieser Welt. Doch es wird anormal, wenn als Deutsche denke.

Ständig hab ich die keifenden Frauen vor dem Gerichtsgebäude vor Augen. Ihre verzweifelte Trauer und ihre Anklage, die sich anscheinend auf alles richtet was deutsch ist. "Schon wieder so eine, die Ausländer nicht mag ....!", schallt es in meinem Kopf. Sie starren alle mich an. "Nicht einmal ausländische Presse lassen wir  Deutsche im Gerichtssaal zu!" - Und das alles, weil die türkische Presse sich nicht rechtzeitig anmeldete.

Deutsch ist nun mal der Inbegriff von Ausländerfeindlichkeit. Wenn ich in der Schlange vor dem Kino vor einen Ausländer stehe, diskriminiere ich. Ich nehme ihm den Platz weg. Ich bin ausländerfeindlich.

Mittlerweile ertappe ich mich, dass ich erst ins Treppenhause trete, wenn ich keine Schritte höre. Ich husche wie ein Dieb ganz schnell aus dem Haus, damit ich ihn nicht sehe und ja nichts falsch mache. Beim türkischen Gemüsehändler war ich schon lange nicht mehr. Jeder Blick dort ist für mich wie eine Anklage, als säße ich auf der Bank vor dem Richter, als hätte ich all den schrecklichen Hass selber geboren. "SCHULDIG!" "SCHULDIG!" Rufen sie unentwegt in meinem Kopf. Ich übertreffe mich in meiner Freundlichkeit, wenn ich einen Döner kaufe. An der Currywurst-Bude um die Ecke, hatte ich nie ein schlechtes Gewissen, wenn ich bedient wurde. Doch heute ist alles anders.

Selbst meiner alten Freundin, die ich niemals als Türkin ansah, ist plötzlich eine Ausländerin für mich. "Ja nichts falsches sagen!" Die vorher gekannte Ungezwungenheit ist mit einmal irgendwie abhanden gekommen Sie scheint an einem Ort zu sein, an den ich nicht mehr gelange. Es ist ein Ort ohne Zuweg. Getrennt von einer Schlucht, die sich deutsch nennt.

Ich bin auf der Flucht. Immer mehr meide ich den Kontakt mit ihr und ihrer Familie. "Ja nichts falsches sagen ...", hämmert es in meinem Kopf. Es ist so, als hätte ich meine Jungfräulichkeit verloren. Als sähe ich plötzlich so viele verschiedene Menschen, aus so vielen verschiedenen Ländern, die ich vorher nie sah. Doch sie waren immer schon da. Es sind auch nicht mehr geworden.

Es ist als duckte ich mich vor dieser Welt einfach weg, weil sie nicht mehr real scheint. Es ist so als stünde ich in einer dunklen Welt. Mein Blick gleicht dem Schein einer Taschenlampe. Ich sehe nur noch die Gefahr des falschen Verhaltens. Wie ein Kind, das sich selber tadelt, da zu sein. Es versinkt am Ende in eine Starrheit der Hilflosigkeit. Wer nichts tut, macht nichts falsch.

Ich sehe die Schutzmauer, die sich langsam vor mir aufbaut. Ich sperre mich freiwillig ein, damit mich niemand mehr sieht und wenn ich nicht da bin, kann ich nichts falsches sagen oder mich gar falsch verhalten. Bei jedem Wohnungsbrand schrecke ich auf und suche mit schnellem Blick nach der Herkunft der Opfer. Es ist eine Erleichterung, wenn Deutsche dabei zu Schaden gekommen sind. "Gott sei Dank keine Ausländer!" - haucht meine innere Stimme erleichtert. Ich habe gelernt Menschen zu unterschieden, wo es keine Unterschiede gibt.

Das ganze hängt wie ein Mühlstein um meinen Hals. Das ganze Grauen der NS-Zeit, das unentwegt aus den unzähligen Dokumentationen mir aus dem TV-Geräten entgegen flimmert, steigt in mir auf. Verbrechen, die ich nicht verantwortet habe, lassen mich schuldig fühle, als hätte ich sie persönlich begangen.

Ach, wäre ich doch keine Deutsche. Ich könnte mich ganz normal mit allen auf dieser Welt unterhalten. Vergangenheit trägt sich so schwer. Sie drückt mich so tief in den Schlund dieser Erde und überall spüre ich die Blicke und die leisen, gedachten Vorwürfe: "Eine Deutsche ....!"

Ja, es wird Nacht. Wenn ich schlafe, suche ich nicht nach den richtigen Worten und den richtigen Gesten. Da kann ich Mensch sein. Da bin ich nicht der NAZI, den alle Welt in mir sehen will.

Für die ganze Welt sind die NSU-Morde typisch deutsch. Der Moloch "Hitler" geht in Deutschland wieder um. Die ganze Welt schaut auf uns ... und will wissen, was wir sagen und was wir tun. Ein falsches Wort und wir entsprechen dem Stigmata, das uns längst wie ein Muttermal vererbt wird.

Vorher war ein Mensch für mich ein Mensch. Mir war es egal wo er seine Wurzeln hatte. Doch heute, heute achte ich plötzlich darauf. Mein Auge dafür werden von der Welt und den Medien geschult. Ich lerne zu unterscheiden, wo ich nie unterschied und wo es nichts zu unterschieden gäbe -  aus Angst ich könnte dem gängigen Vorurteil, das uns Deutschen voraus eilt, tatsächlich entsprechen.

Ich bin längst nicht mehr ich selber. Ich stellte das Bild der Deutschen dar, das die Welt ihn haben will und vermeide es tunlichst, es zu sein. Das schlechte Gewissen ist mein Schatten geworden. Ich parke mein Auto drei Straßen weiter, damit ich nicht ausländerfeindlich bin. Ich erfülle die Quote und habe mindesten drei Vorzeuge-Ausländerfreund. Doch meine einstige Freundin, die zur Türkin geworden ist, hat mir längst den Rücken gekehrt, weil ich nicht mehr ich bin.

Ich senke den Blick vor verschleierten Frauen. Im Bus bleibe ich lieber gleich stehen, sonst könnte der Eindruck entstehen ich wolle einem ausländischen Bürgerm motiviert von Ausländerfeindlichkeit, den Platz weg nehmen. Ja - ich habe aufgehört, Mensch zu sein. Ich bin deutsch geworden.





1 Kommentar:

  1. Nur wer schuldig ist - und der NSU (was ist es denn ein: 1100er oder 1200er TT?) zeigt es in aller Deutlichkeit: schuld, schuld, schuld, weil deutsch -, der ist auch bereit, nicht nur Europa sondern die ganze Welt zu "retten", d. h. das Klima, die Banken, die Amis (bald) und überhaupt, mit anderen Worten Zahlemann & Söhne zu spielen.
    Wichtig ist nur eines: der Schuldkult muss mit allen Mitteln aufrecht erhalten bleiben. Wenn die Lügen rauskommen, hat alles ein Ende. Das darf nicht passieren.

    AntwortenLöschen

Ich setze hier Kritikpunkte zur aktuellen Wertelehre (System) an. Einige werden sich davon persönlich in ihrer Meinung zur Umverteilung der Gewinne angegriffen fühlen. Bitte verwechseln Sie "freie Meinungsäußerung" nicht mit einem nicht existierenden Recht auf Beschimpfung und Diffamierung.

Heute ist Politik nur ein Wirtschaftsdiskussion: Wer hat das beste Konzept zur Umverteilung der erzeugten Gewinne in der Marktwirtschaft. Doch diese Diskussionen werden hier nicht mehr geführt. Sie wurden als sinnlos erkannt und sind daher abgeschlossen.

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