Donnerstag, 28. November 2013

Der Traumjob für 4,17 Euro die Stunde

Der Traumjob! Morgens, acht Uhr in Deutschland! Es schneit. Es ist November. Mein Geldbeutel ist leer. Die Rechnungen und das Arbeitsamt sitzt mir im Nacken. Ich brauche Geld. Wieder einmal gehe ich die Stellenangebot in den Onlineportalen durch. Es gibt viele Jobs. Meistens werden Praktikanten für die angehende Elite unserer Gesellschaft oder Trainees gesucht. Doch da sticht etwas heraus, das für eine Frau im mittleren Alter, mit Hochschulabschluss und einem Bildungsabschluss, für den es heute keine Bezeichnung mehr gibt, infrage kommt.

"Suche freundliche und engagierte Verkäuferin für unsere Boutique ... 400 Euro, Minijob."

Ja, warum nicht. Das sollte zu schaffen. "Arbeit bekommt jeder, wenn er will ...", denke ich mir und greife zum Telefonhörer. Es meldet sich eine freundliche Stimme. "Oh, das ist aber schön, dass Sie sich melden. Wir suchen eine flexible Damen, die unser Team ergänzt, vor allem dann, wenn ich auf Messen unterwegs bin."

Ich bin ganz glücklich. "Drei Tage in der Woche bräuchten wir ein Aushilfe", kam es euphorisch aus dem Telefonhörer. "Kommen Sie doch einfach heute Nachmittag vorbei und bringen Sie ihre Unterlagen mit!"

Ganz aufgewühlt lege ich auf. Ein Blick in den Spiegel verrät mir: "Du musst zum Friseur!" Schließlich will man sich von seiner besten Seite zeigen, als Topverkäuferin in einer "edel Boutique". Also schnapp ich mein letztes Geld und gehe zum Friseur. Eine modere Haarfarbe, nicht zu auffällig, aber doch individuell sollte es sein. Unter 30 Euro ist da nix zu machen. Egal wie billig die anderen arbeiten. Hinzu kommt: "Ich brauche gepflegte Hände und schicke Fingernägel. Mir bleibt nichts übrig. Ich muss, um einen guten Eindruck zu machen, ins Nagelstudio. Das sind noch einmal 50 Euro.

Gehetzt, aber glücklich steige ich in meinen alten Liebling, meinen Twingo ein. Der seine besten Jahre längst hinter sich gelassen hat. "Er ist in die Jahre gekommen, wie ich", denke ich mir. Es ist kalt draußen. Die ersten Schneeflocken kündigen, den Winter an. Beim zweiten Mal starten, schnurrt mein "Baby" wieder. Doch der Tank ist fast leer. Also ab zur nächsten Tankstelle. Die Zeit wird knapp. Ich tanke aber nur für 20 Euro. "Das muss reichen!", schallt es in meinem Kopf und ich spüre wie eine leichte Wut und Empörung in mir hoch kriecht.

Ich rechne: 30 Euro Friseur, 50 Euro Nagelstudio, 20 Euro Benzin, macht insgesamt 100 Euro für ein Bewerbungsgespräch, bei dem ein Job für 400 Euro im Monat rauskommt kann. Nein, ich will keine bösen Gedanken haben. "Jeder der Arbeit will, findet ein ...!", hämmert es in meinem Kopf. "Alle sind glücklich, also bin ich auch glücklich. Jeder ist seines Glück Schmied und jede Krise ist ein Chance ....!"

Eine abgehetzt und verkrampft freundliche Frisörin empfängt mich in einer dieser "Schneidewerkstätten". Ich warte und ich warte. Das übliche Geschwätz eines Friseursalons dröhnt in meinem Kopf. Akkordarbeit inkl. therapeutischer Betreuung findet gerade statt. Endlich bin ich an der Reihe. Sie ist freundlich. Ich auch. Doch die Augen sagen etwas anderes. Sie zaubert mit geübten Handgriffen eine nette Haartracht und trägt die Farbe auf. Ich warte ... Ich lese Zeitung ... Die "Bunte". Ursuala v. d. Leyen präsentiert sich in einem hellblauen, sündhaft teuren Abendkleid und strahlt wie eine Prinzessin. "Alle sind glücklich!", denke ich mir. "Du auch!" und lege die Zeitschrift wieder weg. Meine Farbe ist fertig. Ich sehe 10 Jahre jünger aus. Ich bin glücklich. Doch an der Kasse bekomme ich einen Schreck. Das Fönen kostet extra. Macht insgesamt 42,50 Euro. Ich bezahle und gebe noch ein Trinkgeld. Schließlich wissen wir alle, dass Frisörinnen schlecht bezahlt sind. Ich gebe 5 Euro. Sie war höflich und freundlich zu mir. Mein Budget "Bewerbung" wird überdimensional. 47,50 Euro für einen Friseurbesuch, inkl. Trinkgeld  war nicht einkalkuliert.

Nun weiter ins Nagelstudio, aber schnell! Auch dort werde ich betüttelt; mit höflichen und freundlichen Worten der "heilen Welt" geradezu getüncht. Ich strahle hinterher förmlich. "Ganz sicher klappt es mit ihrem Job!", meinte die junge Damen, während sie mir die Nägel feilte. Aus den Lautsprechern tönte beruhigende Meditationsmusik. Ich war wie in einen Wattbausch eingehüllt. Die Welt war so weit weg. Die Realität holte mich allerdings brutal ein, als ich an der Kasse stand. Der hübsche Glitter auf meinen Nagelspitzen, der mir empfohlen wurde, kostete 10 Euro extra. Davon war allerdings während der aufmunternden Unterhaltung nicht die Rede. Also zahlte ich etwas mürrisch, aber ich zahlte ... 60 Euro für "hübsche Fingernägel". "Genial! Die Welt ist fantatisch!", ruft mein ICH ganz tief in mir drin. Doch es klingt sarkastisch. Einen Ton, den ich gar nicht mag.

Draußen erwarte mich die kalte, steife Luft eines Novembers, aber die Sonne hatte sich mittlerweile freigearbeit. Der Himmel ist blau. "Traumwetter ... Ein guter Tag für einen neuen Job!" Ich gehe zum Parkplatz. Mein kleines "Dudu" steht eingezwängt, zwischen einem 5er BWM und einem Porsche Cayanne.

Wie in Zeitlupe öffnet sich die Porschetür. Eine Dame mit langen blonden Haaren und hochwertiger Kleidung schält sich aus ihrem Luxusartikel heraus. Ein gewinnendes Lächeln schickt sie mir entgegen. Sie ist hoch gewachen, eben so wie man sich erfolgreiche und leistungsstarke Menschen vorstellt. Über der Schulter trägt sie eine Tasche, auf der in großen Lettern "PRADA" steht.

"Ich bin selbstbewusst", hämmere ich mir ein. "Ich bin auch ein Mensch!", tönt es in meinem Kopf. Zielsicher gehe ich auf meinen alten Twingo zu. Mache galant die Tür auf und steige ein, als ob es ein Jaguar wäre. Nach längerer Rangiererei konnte ich mich endlich aus der Umklammerung dieser Karossen, der heutigen Leistungsträger befreien. Zuhause angekommen, bin ich geradezu froh, die den Realitätsrausch auszusperren.

Es ist mittlerweile 12 Uhr. Um 14 Uhr wollte ich vorsprechen, bei meinem Traumjob, für 400 Euro im Monat. "Ich muss mich beeilen". "Was zieht man an, wenn man sich in einer "edel Boutique" als Verkäuferin vorstellen will?"

Mein Kleiderschrank gibt nichts edles her. Jeans, Pullis, altmodische Blusen und zertretene Stiefel, aus der vorvorherigen Modesaison stehen zur Auswahl. Eine ordentliche Winterjacke gibt es in meinem Schrank nicht. Da hängt nur die blase, schwarze Steppjacke von Kik.

"Hey, Kleider machen keine Leute ...!", schreit mich mein Aufputsch-Ich an. "Der innere Wert eines Menschen zählt! Du bist gut. Der Job gehört Dir, wenn Du Dich anstrengst!" ... das sind meine Parolen, die ich mir immer und immer wieder innerlich entgegenschreie, wenn der Mut mir droht, mich zu verlassen. Ich will ihn einfach am Schopf packen. Nur für die eine Stunde, beim Vorstellungsgespräch heute nachmittag.

Ich gehe in die Küche. Mach mir einen Kaffee und das alte Brötchen vom Vortag backe ich mir wieder knusprig. Während dessen schalte ich den Fernseher ein, der mühevoll, weil selber in Jahre gekommen, endlich ein Bild herzaubert.

Koalitionsverhandlungen! Mindestlohn, darüber streiten sich gerade die Politiker, verkündet der Nachrichtensprecher. Unsere Bundeskanzlerin, Angela Merkel, wird eingeblendet. Sie habe Angst, dass der Mindestlohn Jobs vernichtet ... 8,50 Euro brutto für die Stunde scheinen in ihren Augen zu viel zu sein, sonst kann sich die hochgewachsene Dame keine PRADA-Tasche mehr leisten oder muss gar ihren Cayanne verkaufen. Eine entsetzliche Vorstellung denke ich mir sarkastisch und schalte um. Ich will mich wohlfühlen und träumen, vom Reichtum mit Job.

"Marienhof" ist jetzt genau das Richtige. Die Szene passt zu meinem Leben. Eine junge Frau will sich dort auch für einen neuen Job bewerben. "Da kann ich noch etwas lernen ...", denke ich mir und schau gespannt auf den Bildschirm.

Sie geht zielsicher auf das Gebäude zu. Man sieht ihr ihren Willen zum Erfolg regelrecht an. Sie rede so unbefangen von ihrer Berufserfahrung und bekommt prompt auch noch die Chance ihr Können bei einer plötzlich auftretenden Notlage in der Firma unter Beweis zustellen. Natürlich bekommt sie den Job.

In mir wächst die Vorstellung, dass ich heute Nachmittag mich präsentiere und einfach die nächste Kundin bediene, um mich als die beste und tollste Verkäuferin in Szene zu setzen. Ein bisschen weiche Knie bekomme ich schon bei dieser Tagträumerei. Doch für Zaudern bleibt keine zeit. Ich muss mich aufhübschen, eben etwas Farbe und Makeup in mein Gesicht auftragen.

Meine dunklen Augenringe machen mich alt und schwermütig. Die müssen weg. Das Leben ist eben kein Photoshop. Nun stehe ich gestylt und innerlich aufgepuscht vor meinem lieben alten Auto in der Kälte. Mein alter Steppmantel umhüllt mich war, meine neue Haarfarbe glänzt und mein Fingernägel strahlen.

"Es kann losgehen!"

Vor der Boutique schlägt mir das Herz bis zum Hals. Ich schwinge die Tür auf, setze mein schönestes Lächeln auf und gehe auf die Dame zu, die ich als Chefin identifiziert habe. Wir kommen ins Gespräch. Ich zeige Interesse an allem. "Wir brauchen Sie drei Tage in der Woche, á 8 Std. ...", dringt es zu mir durch. "Wir brauchen zuverlässiges Personal, also keine Ausflüchte mit kranken Kindern oder sonstigem ...", ich lasse sie weiter reden. Ich weiss nicht, was ich drauf antworten soll. Vielleicht bliebt mir auch der Mund offen stehen. Ich weiss es nicht. "Wir arbeiten ständig Leute ein und die gehen nach drei oder vier Monaten wieder ... Dieses Mal wollen wir eine zuverlässige Person, die uns auch treu bleibt!". Das macht mir Angst. Doch plötzlich geht die Tür auf. Eine Kundin kommt herein. Die Atmosphäre entspannt sich.

Ich trete in den Hintergrund. Nichts war mehr von meinem Mut übrig, die Situation zu beherrschen und die Dame einfach zu bedienen, als würde ich bereits zum Hause gehören. Es wurde geschnattert und probiert. Wie im Frisörsalon heute morgen. Am Ende klingelte die Kasse und die Damen kaufte sich ein wunderschönes Kleid für sagenhafte 295 Euro. Ein Schnäppchen, wohl gemerkt. Die Luft flirrte nur so vom Glück der Menschen. Es war elektrisierend. Ich wachte erst wieder aus meinen Traum auf, als der Türgong den Abgang der Kundin verkündete.

"Sehen Sie", kam es plötzlich in einem sehr harschem Ton in meine Ohren. "Ich brauche jemanden, der mich vertritt, wenn ich auf Messen unterwegs bin. Es kann auch sein, dass sie eine ganze Woche hier mich vertreten müssen...!" Mir kam nur noch ein "AH" über die Lippen.  "Ich muss sie anrufen können und sie sollten ständig abrufbreit sein ..!", schrillte es durch den nun menschenleeren Verkaufsraum in mein Ohr hinein. "Ganz klar! Ich bin flexibel", kommt es kleinlaut über meine Lippen. Ich höre mir dabei selber zu wie ich spreche.

"Kinder sind kein Problem", höre ich mich selber sagen. Doch in meinem Kopf rattert es. Ich soll mindesten 3 Tage die Woche, als 24 Std. arbeiten - für sagenhafte 400 Euro im Monat. Das macht 4,17 Euro brutto die Stunde, abzüglich Fahrkosten und Verpflegung in der Mittagspause, von den Parkgebühren für mein altes Auto will ich gar nicht reden. Kostenlose Parkplätze für Angestellte gibt es nicht. Die sind alle weit draußen aus der Stadt.

Ich höre sie gar nicht mehr reden. Ich sage nur noch "Ah" und "Ja".  Schon kommt die nächste Kundin. Sie interessiert sich für die Stiefel, die mit 695 Euro ausgezeichnet sind. Plötzlich fühle ich mir fehl am Platz. Nein, ich fühle mich ausgebeutet. 4,17 Euro die Stunde will diese Chefin mir bezahlen und ich investierte alleine für dieses Vorstellungsgespräch über 100 Euro. Ein absolut krasser Gegensatz.

Soll ich nun den Job annehmen? Nein, diese Frage stellt sich mir nicht. Ich muss! Ich brauch das Geld. Ich gebe mein Bestes. Mit einem abfälligen Blick würdigt sie meine Unterlagen. Hochschulabschluss, Ausbildung, Weiterbildung, Qualifikationen  - Ihre Augen huschen über meinen Lebenslauf . "Sie sind absolut branchenfremd, aber wir versuchen es mit ihnen", war am Ende ihre Antwort. Natürlich bekomme ich den Job, nicht weil ich gut bin, sondern weil ich billig bin. Als die Tür hinter mir wieder mit einem Gong schließlich, spüre ich wie mir die Tränen in die Augen steigen.

Das ist wohl das Glück, das alle fühlen, wenn Sie sagen: "Ja, ich fühle mich glücklich. Hauptsache man ist gesund...!"

In diesem Sinne
Euer Politprofiler


Was ist Politik?

Kommentare:

  1. Wie bescheuert muss man sein, so einen Job anzunehmen? Sich extrem ausbeuten lassen, um doch "Aufstocker" zu bleiben?

    Würden das alle verweigern, hätten wir diese Zumutungen gar nicht!

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  2. "Die Weltrepublik" Deutschland und die Neue Weltordnung.

    Irgendeinen Sinn muss dieser Wahnsinn doch haben, oder?

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Ich setze hier Kritikpunkte zur aktuellen Wertelehre (System) an. Einige werden sich davon persönlich in ihrer Meinung zur Umverteilung der Gewinne angegriffen fühlen. Bitte verwechseln Sie "freie Meinungsäußerung" nicht mit einem nicht existierenden Recht auf Beschimpfung und Diffamierung.

Heute ist Politik nur ein Wirtschaftsdiskussion: Wer hat das beste Konzept zur Umverteilung der erzeugten Gewinne in der Marktwirtschaft. Doch diese Diskussionen werden hier nicht mehr geführt. Sie wurden als sinnlos erkannt und sind daher abgeschlossen.

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Wir stellen hier nicht den Anspruch, alles zu wissen, aber bemühen uns, alles, was wir in Erfahrung bringen können zu publizieren.
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