Dienstag, 8. April 2014

WERTLEHRE: Erst kommt der Reichtum, dann das soziale Verhalten ...

Ein langer aufregender und diskussionsreicher Abend schien zu Ende zu  gehen. Gerade gingen wir der Frage nach: "Was ist sozial?". Es kam zu  keinen konkreten Aussagen. Jeder schlich irgendwie um das Wort "sozial"  herum, als sei es eine heiße Kartoffel, an der man sich den Mund verbrennt.

Die meisten machten aus "sozialem  Verhalten"einen Akt der Nächstenliebe und Mitgefühl. "Sozial ist, was Arbeit schafft", stand bereits als Option in den Startlöchern.  "Sozial" scheint auch zu diesen mannigfaltig interpretierbaren Begriffen zu zählen, wie: Freiheit, Liebe, Gerechtigkeit und Moral. Jeder verfügt  über seine eigene, persönliche Interpretation zu "sozial", ohne es in  Worte fassen zu können, damit gesagt ist, was er denkt. 

"Sozial"  schien nicht als Auswirkung unserer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wahrgenommen zu werden. "Soziales Verhalten", gilt  landläufig offensichtlich als angeborener Instinkt des Menschen ohne zu  wissen was es ist.

Plötzlich schaltete sich eine energische Männerstimme in das Gespräch ein. Plötzlich proletete es: "Ich bin sozial! Ich spende jeden Monat  mindestens 50.000 Euro!"

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sich noch jemand  zu uns gesellte. "Klar", dachte ich mir, nach einer Schrecksekunde. "Du bezahlst Umsatzsteuer und hältst das auch noch für sozial! So macht man aus Ausbeutern, die Gönner der Nation!". Gesagt habe ich das natürlich nicht,  sondern ich fragte ihn nach seiner Vorstellung von "sozial" und wohin er all sein Geld monatlich denn spendet?

"Ich", danach  holt er tief Luft, dabei lies er prüfend seinen Blick in die Runde schweifen, um zu kontrollieren, ob auch jeder ihn beachtet. "Ich  .... helfe Freunden und Bekannten mit diesem Geld, damit sie sich ein ordentlichen Leben leisten können! Das ist sozial!"

Innerlich  lachte ich schallend. Offensichtlich befand sich ein Unternehmer an  unserem Tisch, um sich ins rechte Licht der Menschlichkeit zu rücken. Gehaltszahlungen sind für solche Menschen keine Entlohnung für geleistete  Arbeit, sondern sie sind Sozialabgaben aus ihrer Leistung als Unternehmenseigentümer. Der Proletarier hat sich für diesen Akt der Menschlichkeit mit Loyalität zu bedanken.

"Woher  kommt denn dein Reichtum, mit dem du angeblich so viel Soziales tust?", fragte ich  und spürte, wie die Empörung über seine Dekadenz in mir hochstieg und mich schier übermannte. "Reichtum gibt es doch nur, wenn man andere arm macht, um danach die Nächstenliebe - die Sozialität - an den Tag legen zu können, indem man  ihnen das wieder zurück gibt, was man den Menschen vorher stahl!".  

Er verteidigte schamlos seinen Reichtum als soziales Verhalten und liess keine Unverschämtheit gegenüber den Arbeitslosen aus. Der Geist des Fuggers sprach offensichtlich aus diesem selbstgerechten, neoliberal erleuchteten Menschen, der sich als besserer Mensch bzw. Gutmensch begriff.

In der Zwischenzeit steigerte er die Summe seines  angeblichen sozialen Verhalten, bis in die Hunderttausende, so wie seine Stimme anschwoll und fast das ganze Lokal erfüllte. Schon drehten sich die ersten Köpfe nach unserem Tisch um, vor allem als die Summe von 130.000 Euro in den Raum hinein schallte. Das ist wie wenn einer ruft: "FREIBIER!"

Doch so  richtig wollten die Ehrerbietungen nicht werden. Die anderen hatten noch keinen Aufhänger von ihm präsentiert bekommen, an dem sie mich hängen könnten. 

"So lange die Menschheit sich ihre Sozialität über den Reichtum durch Armut erkaufen muss, gibt es kein tatsächliches soziales Verhalten auf dieser Welt...!" Ich hörte ihn innerlich brüllen: "BLASPHEMIE!" - Sein Kopf wurde rot und es explodierte aus ihm heraus: "Nur so funktioniert die Welt!"

Es gäbe nun mal Menschen, die etwas schaffen und andere haben nicht die Bildung und das Wissen dazu.  Reichtum sei nichts wofür man sich schämen sollte. Übrigens solle ich ihm erklären, wie ich denn sozial sei, wenn ich schon so eine große  Klappe hätte, schleuderte er mir fast schon verzweifelt entgegen.

Es kam zur üblichen Kontroverse. Sein Geist hatte sich abgeschottet wie eine Festung. Ein Perspektivenwechsel kam schon aufgrund der Rechthaberei nicht infrage. Es wäre ein Gesichtsverlust gewesen. Selbstverständlich können auch Unternehmer die andere Perspektive einnehmen. Doch das gilt als Schwäche in unserem System der Starken ohne Keule, aber mit Geldbeutel. 
"Sozial"  kann offensichtlich nur mit persönlichen Beispielen belegt werden. Eine allgemeine Betrachtung als moralische Anforderung an der Gesellschaft ist für die meisten Menschen ein Tabu. Die Doppelmoral wäre zu schnell zu offensichtlich und könnte nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.

Wer "sozial" in einer Diskussion hinterfragt, kommt  ständig zum persönlichen Wettstreit der Diskutanten. Einer legt ein persönliches Beispiel für "soziales Verhalten" vor und wird sofort vom nächsten mit einem noch besseren persönlichen Beispiel überboten. Eine andere Variante des Werbespots: "Mein Haus, mein Auto, mein Boot ...". Ehre ist schließlich der höchste Lohn, der nur indirekt durch Kapitaleinsatz in unserer Gesellschaft erreicht werden kann. So schenkt der eine Gutmensch dem Obdachlosen ein Brot und der andere sogar 10 Euro. In der nächsten Diskussion höre ich dann dieselben Menschen, wenn sie über die hohen Steuern und Sozialabgaben sich beschweren. 

Nun unterstellt mir dieser Gutmensch, ich sei eh nur ein Hartz-4-Empfänger. "430 Euro sind für Menschen wie dich zu viel. Ginge es nach mir, würdest du gar nichts bekommen. Du tust doch überhaupt nichts für diese Gesellschaft!", brüllte vom anderen Ende des Tisches mir entgegen. 

Danach folgten die  üblichen Titulierungen,. Ich wurde zum Idiot,  Arschloch und am Ende war ich sogar noch ein Parasit, weil ich seine neoliberale Ideologiepropaganda nicht beklatschte. Er sei schließlich derjenige, der Gutes in dieser Welt vollbringt - war seine Pointe. 

Nach Mitleid haschend senkte er seine Stimme; senkte seinen Kopf und während er nach oben blickte meinte er in einem herzzerreissenden Ton: Er schufte und  rackere sich für Menschen wie mich ab  um so viel Geld zu verdienen,  damit er - 130.000 Euro - im Monat, Gutes tun könne. Jeder hätte schließlich die Möglichkeit reich zu werden, wenn er sich nur anstrenge. So drosch er eine nach der anderen, üblichen Phrasen der neoliberalen Menschenfreunde herunter, als sei es ein Gebet. 

Ich dachte mir nur: "Das bin ich gewohnt. Das schüchtert mich schon lange nicht mehr ein." Schon hatte er neue Beispiele für sein soziales Verhalten gefunden ...  Er verfüge über so viele lebensnotwendige  Patente. Daraus ergäbe sich automatisch die Pflicht der Allgemeinheit, seinen Reichtum zu finanzieren. Natürlich formulierte er es nicht so direkt, sonst wäre es jedem in der Runde aufgefallen, sondern er begründete seinen Reichtum als Lohn für seine Leistung an der Allgemeinheit. In dieser Variation der Erklärung erzeugt man bei jedem vernünftigen Mensch gebührenden Beifall. 

Immer mehr Personen am Tisch waren nun von dem "kleinen Fugger" (Reicher mittelalterlicher Kaufmann, der mit Spenden wieder Ansehen gewinnen wollte. Heute steht noch ein Denkmal von ihm in Augsburg. Seine Familie wurde am Ende sogar in den Adelsstand gehoben.) beeindruckt. 

Sie lauschten ihm wie einem Pfarrer der über den Gott des Reichstums spricht. Der Reichtum heilt immer die Armut, deshalb ist es unwichtig, was Armut verursacht. Dieses angebliche Naturgesetz bestätigt sich aus Erfahrung immer wieder, jeden Tag aufs Neue und hin und wieder sind wir sogar selber der heilende Reichtum, wenn sie die Armen persönlich bespenden. 

So trat das  allgemeine Bewusstsein, "der Reichtum ist ein nützliches Übel", an den Tisch und gewann wieder die Oberhand über das Danken. Die INSM formulierte diese Allgemeinerfahrung kurz und knackig in: "Sozial ist, was Arbeit schafft!"

Als ich ihn aufforderte seinen Reichtum in Somalia gegen die Armut einzusetzen, kam es wie aus  der Pistole geschossen: "Gute Idee! Ich gebe dir 5000 Euro und du gehst  für einen Monat nach Somalia und bringst den Menschen bei, wie sie säen und ernten. Dann kannst du auch einmal in deinem Leben etwas sinnvolles für die Menschheit tun. 

"Mit 5000  Euro rettet man die Welt" , dachte ich mir. "Wo lebt der denn?" ... Doch  der Redeschwall ging weiter. "Du hast ja eh nichts zu tun hier in  Deutschland. Du sitzt hier nur rum und bekommst dafür auch noch 430 Euro Hartz4. 5000 Euro Verdienst sind doch eine tolle Sache. Für einen  Hartz4-Empfänger, wie dich!"

"VERDIENST!?!?!?!", schreie ich. "Das ist doch kein Verdienst, das ist deine Spende, die ich dort gegen die Armut ausgebe! Wo ist da ein Verdienst?", platzt es aus mir heraus. 

Doch mit diesem Satz hatte er die Menschen gedreht. Plötzlich standen die 5000 Euro in deren Köpfen als Gewinn für sie festgeschrieben. 

Ich dachte mir nur, "der Typ will mich kaufen!  - Was für eine Frechheit!", wenn ich dieses Angebot nicht annehme bin  ich der asoziale Mensch und der moralische Krüppel an diesem Tisch. 

Keiner begriff, welche rhetorische Finte sich gerade abspielte. Entscheide ich mich dagegen, bin ich der Asoziale in den Augen der Zuhörer. Sie begriffen nicht, dass der Type nur sein Geld verbal in die Mitte des Tisches warf und dass, das, allgemein bereits als soziales Handeln anerkannt ist. Jetzt hängt alles nur an mir. Mache ich nicht was er sagt, wird nach der Auffassung der Zuhörer, der Welt nicht geholfen. 

Plötzlich  stand ich als Buhmann am Tisch fest, weil ich sein Angebot nicht annahm, sondern ihn aufforderte, selber nach Somalia zu fliegen. Er könne doch nicht einfach administrieren, als "Machmal Mensch". Ich verstand nicht warum die anderen diese offensichtliche Doppelmoral nicht erkannten. 

Es war als ob ich plötzlich zwischen einer Meute  von Krähen saß, die danach gieren, mir die Augen aushacken, wenn ich nicht dem Befehl des Kapitals gehorche. Schließlich wäre es nach Auffassung der Zuhörer, die mich nun bestürmten, meine moralische Pflicht, dieses Geld sinnvoll in Somalia für die Bekämpfung der Armut einzusetzen. 

"SCHACHMATT!" - Hörte ich ihn in Gedanken rufen. Sein Blick war triumphierend. Er hatte es dem Parasiten gezeigt, wie man mit Massen umgeht und Kritiker des Neoliberalismus das Maul stopft.

Es war geradezu anmaßend in den Augen der anderen, als ich noch einmal ihn selber aufforderte, sein Geld für "das Gute" in Somalia einzusetzen. Voller Zorn schleuderten mir Menschen aus der Kneipe entgegen: "Dieser Mann verdient doch gut und gerne 50.000 Euro im Monat. Er kann nicht nach Somalia. Du als Hartz4-Empfänger - hast doch Zeit ...!"  Mit dieser Aussagen bestätigten sie sogar seine Bezeichnung für mich: "Parasit". Sie machten mich zu einem Parasiten, obwohl sie in anderen Diskussion garantiert auf die Umgangsformen für Diskussionen sonst hingewiesen hätten. Das macht mich heute noch sprachlos, wenn ich daran denke.

Diese schlauen, vernünftigen Menschen dachten nämlich schon weiter. Wer 50.000 Euro im Monat verdient, schickt vielleicht noch einmal 5.000 Euro nach Somalia. Sie sehen, der Neoliberalismus ist ganz tief in unserer Vernunft längst angekommen und steuert jede Entscheidung und jede Überlegung zielgerichtet auf das tägliche Ausbeutungssystem, damit es ganz sicher als das "ewige HAMSTERRAD" am Laufen bleibt. 

Für mich bedeutet das: Dem allwissenden Menschen, der sich selber für ein Produkt eines höheren Wesens hält, kann man nichts mehr beibringen, erst recht nicht die Wahrheit. 

Halleluja
Euer Politprofiler

Kommentare:

  1. Erst lesen, dann fragen. Ok. Kann ein Hartzi nebenbei noch Drehbücher schreiben...? Tz.

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